Manchmal gibt es Abende, bei denen man schon vorher weiß, dass sie einem fehlen werden, sobald sie vorbei sind. Der 20. August war für mich genau so ein Abend. Agnes Obel stand auf dem Programm der Kulturarena Jena und damit gleichzeitig das letzte Konzert, das ich in diesem Sommer hier erleben und begleiten durfte. Ein letzter Abend unter freiem Himmel, ein letztes Mal dieses ganz besondere Gefühl, wenn sich der Theatervorplatz langsam füllt, die Lichter angehen und irgendwo zwischen Bühne, Musik und den Menschen dieser kleine Zauber entsteht, den man eben nur in der Kulturarena findet.

Und vielleicht hätte man für diesen Abschied kaum eine passendere Künstlerin finden können als Agnes Obel.
Ihre Musik ist nie laut und sie muss es auch gar nicht sein. Sie kommt leise, beinahe vorsichtig, und entfaltet ihre Wirkung genau dort, wo im Alltag oft viel zu wenig Platz bleibt: zwischen den Gedanken, den Erinnerungen und den kleinen Gefühlen, die man manchmal gar nicht richtig benennen kann.

Genau so fühlte sich dieser letzte Abend an.
Als Agnes Obel mit ihrer Musik den Theatervorplatz in ihren ganz eigenen Kosmos verwandelte, wurde es plötzlich ganz still. Nicht nur im Publikum, sondern irgendwie auch in einem selbst. Klavier, Stimme, feine Melodien und diese ganz besondere Mischung aus Melancholie und Licht füllten den Raum. Ihre Musik musste sich nie in den Vordergrund drängen, sie war einfach da – und genau deshalb konnte man sich ihr kaum entziehen.
Mit „Riverside“, „Familiar“, „Fuel to Fire“ oder „Just So“ hat Agnes Obel längst ihren ganz eigenen musikalischen Kosmos geschaffen. Ihre Songs wirken wie kleine Geschichten, bei denen nicht immer alles ausgesprochen werden muss. Vielleicht ist genau das ihre besondere Stärke: Sie lässt Raum für Gedanken, für Stille, für Erinnerungen und für all das, was jeder von uns ganz allein mit einem Lied verbindet.

Nach 15 Jahren war sie nun endlich wieder in Jena zu Gast. Und es war ein Wiedersehen, das sich angefühlt hat, als wäre ihre Musik genau für diesen Ort gemacht. Zwischen den alten Mauern, unter dem Jenaer Sommerhimmel und vor einem Publikum, das bereit war zuzuhören, entstand ein Konzert, das nicht mit großen Gesten beeindrucken musste. Es durfte einfach sein – leise, intensiv und wunderschön.


Und irgendwann kam dann dieser Moment, vor dem man sich eigentlich schon den ganzen Abend ein wenig gefürchtet hatte: der letzte Ton.
Für einen kurzen Augenblick blieb die Stimmung noch im Raum hängen, bevor der Applaus einsetzte. Während die Menschen langsam ihre Plätze verließen, war da dieses seltsame Gefühl, das wohl jeder kennt, der einen besonderen Konzertabend erlebt hat. Man möchte eigentlich noch nicht nach Hause und würde diesen Moment am liebsten festhalten, obwohl man genau weiß, dass das nicht funktioniert.






Agnes Obel war der letzte Ton meines Kulturarena-Sommers 2026. Und während ich nun darüber schreibe, zieht dieser Sommer noch einmal an mir vorbei. Was für ein Sommer das war.
Wir haben mit Dominique Fils-Aimé begonnen, und dieser Abend hätte beinahe schon eine ganz eigene Geschichte verdient. Ein Gewitter zog über Jena, der Einlass musste verschoben werden und erst um 19:45 Uhr konnten die Türen geöffnet werden. Trotzdem war am Ende da dieses Gefühl, dass sich das Warten gelohnt hatte. Als die Musik schließlich begann, war das Wetter fast vergessen. 90 Minuten lang entstand eine Atmosphäre, die irgendwo zwischen Soul, Jazz und ganz großen Emotionen lag.
Dominique Fils-Aimé in der Kulturarena Jena

Dann kam Tanita Tikaram.
Ein ausverkaufter, bestuhlter Theatervorplatz mit 1.600 Menschen und eine Stimme, die nach all den Jahren nichts von ihrer besonderen Wirkung verloren hat. „Twist in My Sobriety“ ließ Erinnerungen wach werden und sorgte bei vielen für diese ganz besonderen Momente, in denen man plötzlich merkt, wie eng Musik und die eigene Lebensgeschichte miteinander verbunden sein können. Und spätestens bei der Zugabe, als bei „Love Is in the Air“ kaum noch jemand sitzen blieb, war aus einem Konzert ein gemeinsamer Sommerabend geworden, den man so schnell nicht vergessen wird. Tanita Tikaram in der Kulturarena Jena

Mit Nik West wurde es anschließend ganz anders – kraftvoll, funky und voller Energie. Eine Künstlerin, die ihre Bühne nicht einfach betritt, sondern sie sofort für sich einnimmt. Ihr Bass, der Groove und diese unglaubliche Präsenz sorgten für einen Abend, der ordentlich Bewegung in die Arena brachte. Und als am Ende ihr Sohn auf die Bühne kam und sie ihn für den letzten Song auf den Arm nahm, bekam dieser energiegeladene Abend plötzlich noch eine ganz andere, sehr persönliche Seite.
Nik West bringt die Kulturarena zum Beben

Dann kam Mari Froes und mit ihr ein Konzert, das sich angefühlt hat, als würde man für einen Moment aus dem Alltag herausgetragen. Leicht, warm, verträumt und beinahe federleicht. Ein Abend, an dem Musik nicht laut sein musste, um ganz viel zu erzählen, und bei dem man nach dem letzten Ton am liebsten noch ein wenig sitzen geblieben wäre, weil man noch nicht bereit war, wieder in die Realität zurückzukehren. Mari Froes verzaubert die Kulturarena Jena

Und schließlich Max Herre und Joy Denalane.
Ein Konzert, auf das viele lange gewartet hatten und das dann auch noch mit einer ordentlichen Dusche von oben begann. Ponchos und Schirme waren schnell zur Hand und spätestens als die Musik losging, war auch dieser Regenschauer nur noch eine kleine Randnotiz. „A.N.N.A“ und „Mit dir“ gehörten für mich zu den ganz besonderen Momenten des Abends. Und als Joy Denalane bei „Alles Leuchtet“ die Menschen auf den Rängen aufforderte aufzustehen und gemeinsam mitzusingen, wurde aus einem Konzert wieder genau das, was die Kulturarena so besonders macht: ein gemeinsames Erlebnis, bei dem für einen Moment alle einfach nur zusammen diesen Abend genießen.
Max Herre & Joy Denalane Ein Versprechen, das endlich eingelöst wird


Und nun Agnes Obel.
Fünf ganz unterschiedliche Abende, fünf vollkommen unterschiedliche musikalische Welten – und trotzdem hatten sie alle etwas gemeinsam: dieses besondere Gefühl, das die Kulturarena schafft.
Sie muss sich nicht auf einen Sound festlegen. Sie darf laut sein und leise, wild und verträumt, tanzbar und nachdenklich. Sie bringt Soul, Jazz, Funk, Pop und Singer-Songwriter zusammen und schafft es trotzdem immer wieder, ihre ganz eigene Atmosphäre zu bewahren. Vielleicht ist es genau diese Mischung, die dafür sorgt, dass man jedes Jahr wiederkommt und sich trotzdem immer wieder überraschen lässt.
Und jetzt ist dieser Sommer vorbei. Die Bühne ist wieder leer, die Lichter sind aus und der Theatervorplatz wird langsam wieder zu dem Ort, der er außerhalb der Kulturarena ist. Trotzdem laufen die vergangenen Wochen im Kopf noch einmal wie ein kleiner Film ab: das Gewitter bei Dominique Fils-Aimé, die großen und leisen Momente bei Tanita Tikaram, der unglaubliche Groove von Nik West, die Leichtigkeit von Mari Froes, das gemeinsame Singen mit Max Herre und Joy Denalane und nun diese ganz besondere Ruhe, die Agnes Obel zurückgelassen hat.
Was bleibt, sind Erinnerungen. Und davon nehme ich aus diesem Sommer mehr als genug mit. Deshalb möchte ich an dieser Stelle einfach einmal Danke sagen.
Danke an die gesamte Kulturarena-Crew, die auch in diesem Jahr wieder dafür gesorgt hat, dass wir so viele unterschiedliche und besondere Konzertabende erleben konnten. Danke an alle, die vor und hinter der Bühne arbeiten, an Technik und Ton, Licht, Einlass, Security, Organisation, Gastronomie und natürlich an all die Menschen, die man als Besucher oft gar nicht wahrnimmt, ohne deren Arbeit solche Abende aber nicht funktionieren würden.
Und auch für uns als Presse ist es schön, jedes Jahr wieder so herzlich empfangen zu werden und diese Abende begleiten zu dürfen. Dafür ein ganz persönliches Dankeschön.
Ihr habt auch 2026 wieder einen Ort geschaffen, an dem Musik einfach wirken darf. Und genau das macht die Kulturarena für mich zu etwas ganz Besonderem.
Wenn heute nach Agnes Obel die letzten Lichter ausgehen, heißt es für mich Abschied nehmen von der Kulturarena 2026 – aber ganz sicher nicht für immer.
Denn während auf dem Theatervorplatz langsam Ruhe einkehrt, beginnt eigentlich schon die Vorfreude auf 2027. Auf neue Künstlerinnen und Künstler, neue Geschichten, warme Sommerabende, vielleicht den einen oder anderen Regenschauer, ganz bestimmt aber wieder ganz viel Musik. Und auf dieses wunderbare Gefühl, irgendwann im nächsten Sommer wieder durch das Tor der Kulturarena zu gehen und zu wissen:
Da ist sie wieder. Meine Kulturarena.
Bis dahin bleiben die Erinnerungen. Und vielleicht ist das am Ende das Schönste an Konzerten: Sie sind irgendwann vorbei, aber das Gefühl, das sie hinterlassen, darf bleiben. Genau dieses Gefühl nehme ich heute mit nach Hause.
Danke, Kulturarena Jena, für 2026. Für die Musik, für die besonderen Abende und für all die Erinnerungen, die bleiben.
Wir sehen uns 2027!




