The Pretty Reckless – Death by Rock and Roll (VÖ 12.02.2021)

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The Pretty Reckless, die Band um Taylor Momsen veröffentlicht am 12.02. – Death by Rock and Roll

Die Englische Review gibt es hier: The Pretty Reckless English Review

Radio:Active Bewertung: 10/10 MEGAHERTZ

Geschrieben von: Lisa Hemp

Band: The Pretty Reckless

Album: Death by Rock and Roll

Genre: Alternative Rock

Label: Century Media Records

Vertrieb: Sony Music

Veröffentlichung: 12.02.2021

 

Tracklist:

  1. Death By Rock And Roll 03:55
  2. Only Love Can Save Me Now (feat. Kim Thayil und Matt Cameron) 05:12
  3. And So It Went (feat. Tom Morello) 04:30
  4. 25 05:27
  5. My Bones 04:48
  6. Got So High 03:20
  7. Broomsticks 00:39
  8. Witches Burn 04:54
  9. Standing At The Wall 03:59
  10. Turning Gold 04:10
  11. Rock And Roll Heaven 05:12
  12. Harley Darling 04:19

Nach einer langen Episode von weniger guten Nachrichten und stetiger Veränderung der Lebensumstände auf dieser Erde, klang es fast schon zu gut, dass im Februar diesen Jahres ein Album das Licht der Welt erblicken wird, was von Millionen Fans sehnlichst erwartet wird. Musik ist und bleibt eine Art Therapie fürs Herz und die seelischen Streifzüge durch Höhen und Tiefen. Der Album Titel „Death by Rock and Roll“ klingt in meinen Ohren wie die perfekte Hymne dieser Zeit!

Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, als The Pretty Reckless ganze 4 Jahre keine neue Musik veröffentlichten und gleichzeitig wuchs die Liebe zu dieser Band, da gefühlt die Sehnsucht nach neuen Songs das Herz noch höherschlagen ließ. Zumindest stelle ich mir diese Wartezeit so vor, denn ich habe die Band erst vor einem Jahr kennen und lieben gelernt. Meine Vorfreude, in dieser im Verhältnis gesehen kurzen Zeit, stieg ja schon ins unermessliche.

“In vielerlei Hinsicht fühlt sich das neue Album, an dem wir arbeiten, wie eine Wiedergeburt an”,

sagte Taylor Momsen im Mai 2020, als die Band mit “Death By Rock And Roll” ihre erste neue Single nach vier Jahren vorlegte. Die Single erreichte Platz 1 der US-Rock Charts. Es war die fünfte Nummer 1-Single in den USA von The Pretty Reckless

Die Gruppe aus New York City ist damit die erste Rockband mit einer Frau am Gesang, der dies gelungen ist. Ich füge ein: Eigentlich eine traurige Nachricht, denn es gibt unglaublich viele gute Bands mit Frauen am Mikro. Nicht falsch verstehen, denn ich bin verdammt stolz auf TPR über diesen Erfolg! Jedoch finde ich, dass es an der Zeit ist, Bands mit guten Sängerinnen mehr Aufmerksamkeit zu geben! Musik-Fans was ist los mit Euch? Ein Blick über den Tellerrand und ihr werdet noch so viel mehr gute Bands mit Rockröhren an der Front kennenlernen!

Rückblick

„Death By Rock And Roll“ von The Pretty Reckless ist das erste Studioalbum ohne Mitwirkung ihres 2018 verstorbenen Produzenten Kato Khandwala. Kato saß nicht nur beim Debütalbum „Light Me Up“ am Pult, sondern auch beim grandiosen Folge-Album „Going To Hell“. Dieses Werk liegt bereits 7 Jahre zurück und hat in den Jahren kein bisschen an Energie verloren. 2012 hing Taylor ihre Schauspielkarriere an den Nagel und hörte auf ihr Gefühl, nur noch der Musik zu folgen.

Mit „Heaven Knows“, „Fucked Up World“ und „Follow Me Down“ koppelten The Pretty Reckless gleich drei Nummer Eins-Hits hintereinander aus. Diesen Erfolg erlangten zuvor nur die „The Pretenders“, die im Jahr ´84 als female-fronted Band ebenfalls drei Nummer 1 Hits veröffentlichten.

Auch das letzte Album, „Who You Selling For“ aus 2016, brachte mit „Take Me Down“ eine Nummer #1-Single hervor. Dieser Song war einer der Ersten, der in meinem Kopf kleben geblieben ist.

Für „Death By Rock And Roll“ konnten The Pretty Reckless Matt Cameron (Pearl Jam, Soundgarden), Kim Thayil (Soundgarden) und Tom Morello (Rage Against The Machine) als Gastmusiker gewinnen.

Erster Eindruck

Beim ersten Hören der Scheibe übermannen einen so unglaublich viele verschiedene Gefühle, da das Album nicht an persönlichen Eindrücken geizt. Eine Mischung aus Oldschool Rock, erwachsenen Post-Rock , Gänsehautballaden und Country Momenten.  Wenn man es genau nimmt, hat die Band für jeden Geschmack etwas eingebaut. Das können nicht viele Musiker und schon gar nicht in so konsequenter andauernder Qualität.

Wenn man Vergleiche ziehen müsste, fallen einen während des Hörens einige Künstler ein, die man in gewissen Sektionen spüren kann: Tom Petty, CCR, Tool, Soundgarden, Blondie, Courtney Love, Nirvana… und in erster Linie eine große Portion Gefühl und Emotionen im Zusammenhang mit Vergangenheit, Gegenwart und dem Hoffnungsschimmer Zukunft.

Menschen, die bei Alben besonders auf Texte zählen, haben bei Taylor Momsen ihren Spielplatz gefunden. Die Sängerin versteht es mit Worten den Kampf der Gedanken einzufangen. Sie vereint Schmerz und Hoffnung im Drahtseilakt des Lebens. Vergangenheit wird durchlebt und die Zukunft wird als Angel ausgeworfen und knallhart hinterfragt.

Das komplette Album nimmt den Zuhörer mit auf eine Reise. Zu Beginn schreien einen Selbstzerstörung, Morbide Gedanken und  psychodelische Gefühle an, die gefolgt von dem inneren Frieden herausplatzen und in der Resignation ihr Ende finden.

Wer die Reise mit offenem Herzen antritt, dem werden eine Reihe von alten Rocklegenden, Musikerkollegen und Freunden der Band begegnen, welche jung gestorben sind. Familiäre Probleme geben sich die Hand, während Selbsthass nicht versteckt wird und anhand der Hexenverbrennung Ausdruck erlangt. Der Track „Broomstick“ untermalt diese metaphorische Sichtweise.  „Death by Rock and Roll“ vereint Wahnsinn, Perfektion, Genius und beängstigende Gedanken in 12 Songs.

„Standing At The Wall”

Den Titel habe ich das erste Mal gehört als ich vor die Tür getreten bin und ein paar Schneeflocken vom Himmel herunter glitten. Die Stimmung kollidierte augenblicklich mit dem Arrangement des Songs. Die Gedanken wurden leise und die Seele  fuhr Achterbahn, währenddessen das Herz einen Sprung in Richtung schluchzende Wahrheit blickte. Der Songtext, der von den Gefühlen der Einsamkeit erzählt, während man aufgebäumt vor einer Mauer steht und der Gewissheit ins Auge blicken muss, das Niemand einen auffangen wird.

Das tut weh und erhellt zugleich den Moment, da man spürt mit dieser Situation nicht allein zu sein. Ein Song der balladenartig beginnt und sich Richtung Ende steigert und einen Ausbruch der Gefühle wieder spiegelt. TPR verstehen es Tracks geschichtenartig wachsen zu lassen. Das Gefühl der Geschichte geht in keiner Sekunde verloren und man wird regelrecht mitgezogen, während die kleine ängstliche Flamme des Ausgangsgefühl laufen lernt. Einsamkeit und Unsicherheit spiegeln in diesem Song den Kampf wider, ohne zu wissen, ob man überhaupt gewinnen will!

„Death by Rock and Roll“ „25“ und „And So it Went“ wurden bereits veröffentlicht und ebneten den Weg eines hochgradig anspruchsvollen Albums. Um diese Tracks soll es deshalb heute gar nicht im Detail gehen. Ich habe mir zwei Titel herausgenommen, die mich nachhaltig fasziniert haben. „My Bones“ und „Only Love Can Safe Me Now“!

„Only Love Can Safe Me Now“

In dem Track erzählt Taylor Momsen über den Überfluss an Gefühlen und Gedanken bezüglich Lärm der Welt, Chaos und Krankheiten. Eine Frau die von all den Schattenseiten gerettet werden möchte. Sie versinkt immer mehr in Wellen der Traurigkeit, aus denen sie nicht mehr allein herauskommt. Der Moment in dem man sich allein gelassen fühlt und der Gedanke daran, dass niemand helfen wird. Dieses erdrückende Gefühl, bei dem es egal ist, wie stark man ist und die Gewissheit: Nur die Liebe kann einen retten!

Der Track erfreut mit einem 7/4 Intro und mündet in einen 4/4 Groove, gefolgt von einem 6/8 Takt. Die psychedelischen Gitarrensounds lassen sofort Rückschluss auf Kim Thayil zu und die ungeraden Takte sprechen ohne Umwege für die Zusammenarbeit mit Matt Cameron. Dieser Song spiegelt perfekt wider, dass es Musiker gibt, denen man anhand ihrer musikalischen Spielweise sofort an der Nase erkennt, wer dahintersteckt. Künstler, die so einzigartig sind, dass man den Menschen hinter der Musik sieht.

Die Gitarre bringt zeitgleich jede Menge Ohrenfeuerwerke mit, denn es erwartet den Zuhörer eine Mischung aus fetten Bendings,  Wha-Wha betonter Soli-Kunst, tremolastigen Sound und ein clever eingebrachter Seeping-Part. Der Bass gibt dem Klangbild eine unheimliche Raumtiefe und kontrastiert die Obertöne der Gitarre. Taylor Momsen nutzt flüsternden Gesang und den „flanger effect“ in den tiefen Noten zum Aufbau der Stimmung. Indem sie technisch mit Absicht eine Menge Luft benutzt, erschafft sie einen umwerfenden Effekt , wodurch sie die Noten förmlich atmet. 

Im Refrain folgt eine erstaunliche Entwicklung, die sich in der langen Note des Wortes „Love“ explosionsartig entlädt. Es wirkt dadurch wie ein Befreiungsschlag mit Hilfe von LIEBE.

„My Bones“

Dieser Track hat mich vom ersten Ton an gefangen genommen. Wenn ich mich für einen Lieblingssong der Platte entscheiden müsste, dann würde ich diesen wählen! Das Taylor eine begnadete Sängerin ist, ist kein Geheimnis und dieser Song präsentiert den typischen Taylor Momsen Style. Sie spielt mit einer Leichtigkeit mit den Noten, indem sie das Glissando für sich nutzt. Glissando bezeichnet in der Musik die kontinuierliche (gleitende) Veränderung der Tonhöhe beim Verbinden zweier Töne. Eine Technik die wie gemacht ist für ihre Ausnahmestimme. Gepaart mit der „Vocal Fry“ Technik (die man durchaus zb. auch von Kurt Cobain kennt) erhält der Song eine kraftvolle Intensität im Refrain.

In der Bridge wechseln sie das Timing und die Metrik und erschaffen dadurch eine unvergleichliche Abwechslung in ihren Tracks. Dasselbe wenden Sie in „And so it went“ und „25“ an. Sie bauen Parts ein, die man im Verlauf des Liedes nicht erwarten würde. Und zeigen erneut ihr musikalisches Talent, was über den Durchschnitt der großen Musiker hinausgeht.

Die Bridge in „My Bones“ erinnert an die Stilistik von Blondie und Courtney Love. Der Drummer legt zu Beginn einen ausgefeilten 6/8 Stakkato Groove hin und wechselt zum schnellen Shuffle Beat. Es ist also unwahrscheinlich, dass der Körper nicht auf diesen Song reagiert. Der Bass fügt sich tight ein und präsentiert sich zurückgehalten und minimalistisch. Getreu dem Motto „weniger ist mehr“ unterstützt er so Taylors Vocals und treibt den Song nach vorn.

Inhaltlich hat mich „My Bones“ einiges abverlangt. Die Künstlerin erschafft Lyrics, die man nicht so einfach mit halben Ohr mitnehmen kann. Jede Zeile lässt Raum für Interpretationen. Der Grundtenor ist Einsamkeit, Angst, Trauer und Wahnsinn. Metaphern geben sich die Klinke in die Hand und erzählen von der Menschheit, die sich nicht nach dem Einzelnen umdrehen und erneut das Wissen, man ist nur sich selbst am nächsten.

Zusätzlich dieses existierende Biest in ihr, was sie zerstören möchte. Eine mögliche Wahrnehmung von Selbstzerstörung oder etwas Unbekannten, was keine Diagnose zulassen würde. Zerrissen von einer Krankheit, die keine ist und ein Gefühl des völligen Kontrollverlustes.

„Follow me, don´t follow me, my Bones“ heißt es im Song und lässt gedanklichen Spielraum zu, dass nur ein Grab ein sicherer Ort ist und es ein grober Fehler wäre, diese Person vom Freitod abzuhalten. Nur in diesem Loch findet sie Frieden, da dieses Biest ihr dort nicht mehr weh tun kann.

„When I was young , I could perfectly see. Now i´m this blind. Blind as the girl can be“

Der kritische Blick in die Vergangenheit. Als Kind dachte man noch die Wahrheit zu kennen, wenn man älter wird erfährt man erst, dass die kindliche Betrachtungsweise des Lebens eine Lüge ist. Denn die Wahrheit ist: Die Welt ist verdorben! „Out of insanity“ eine ebenso beeindruckend gewählte Zeile. Es könnte bedeuten, dass sie froh darüber ist nun endlich aus dem kindlich vorgegaukelten Wahnsinn zu entfliehen. Eine andere Sichtweise könnte aber auch folgende sein: Der Motor, um zu funktionieren ist Wahnsinn!

Die Lyrics sind genauso grandios wie vielschichtig. Was Taylor Momsen uns ganz genau sagen wollte, wird ihr Geheimnis bleiben und die eigene Sichtweise auf die Worte, wird sich wohl im Laufe der Jahre (Änderungen im eigenen Leben) noch einige Male verändern.

„We are Sin! So why am I so quilty!

Das komplette Album ist perfekt, so wie es ist! Musikalisch unübertroffen und die Geschichten dahinter könnten persönlicher nicht sein. Ein mutiger Seelenstripp, der in jedem einzelnen Track beim Zuhörer ankommt. Für mich bereits jetzt das Album des Jahres 2021! Von mir gibt es ohne Zweifel 10/10 MEGAHERTZ!

Mehr Informationen:

THE PRETTY RECKLESS stellen ihre neue Single ‘And So It Went’ vor

The Pretty Reckless /Taylor Momsen – meine persönliche Entdeckung 2020

https://deathbyrockandroll.com/