Ezra Furman live: Katharsis im Columbia Theater
Ein Ezra Furman Konzert ist wie eine Therapiestunde. Am Sonntag durfte ich das erste Mal ein Teil davon sein, als die US-amerikanische Künstlerin ihre ausverkaufte Show im Columbia Theater in Berlin spielte.

Modern Woman überzeugen als Support
Einen vielversprechenden Auftakt lieferten schon Modern Woman aus London im Vorprogramm. Die Mitglieder eroberten die Bühne im Sturm und füllten jeden Zentimeter Platz aus, den sie finden konnten. Mindestens genauso energisch wie ihre Bühnenpräsenz war dabei ihr Klang. Ich tue mich schwer, ihre Musik einem Genre zuzuordnen, aber ich kann sagen, wie sich die Songs angefühlt haben.

Selten habe ich Bands gehört, die eine dermaßen ausgewogene Balance zwischen Feuer und Zartheit hinbekommen. In der einen Minute ertönten sanfte Violinenklänge zu tiefgründigen Texten und im nächsten Moment dröhnten aufreibende Gitarren zu wilden Schreien der Sängerin Sophie Harris. Die Band brachte uns bei, das unerwartete zu erwarten. Schon hier zeigte sich das Publikum außerordentlich offen und ließ sich vollkommen darauf ein. Ich bin schon sehr gespannt, was Modern Woman noch von sich hören lassen werden!
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Zeit für Ezra Furman
Nach einer kurzen Pause ging es dann weiter zum Höhepunkt des Abends und Ezra Furman betrat mit ihrer Band bei gedimmten Licht die Bühne. Vorsichtig ließ die Künstlerin ihren Blick durchs Publikum schweifen, bevor sie sich mit einem schüchternen Lächeln hinter dem Mikrofon positionierte. Der Saal brach in Jubel aus, ein bekräftigendes Versprechen der Fans, welches zu sagen schien „wir sind da und wir halten dich“.

Die Geste schien den gewünschten Effekt zu haben und schon bald folgte mit „Grand Mal“ der Startschuss in die Setlist. Ezra, komplett in schwarz gekleidet, verschmolz mit ihrer Musik und verkörperte genau die Gefühle, die darin vorkamen. Es dauerte nicht lang, bevor sie sich wieder den Leuten vor der Bühne zuwandte. Diese Dynamik sollte während der gesamten Show erhalten bleiben: Songs gefolgt von Dialog. Emotionen fühlen und anschließend darüber sprechen.
Ein Abend voller Haltung
In einem Moment der Melancholie erklärte die Künstlerin, sie trage heute schwarz, weil sie in diesem Teil des Sets trauere. Als Erklärung brachte sie die aktuelle politische Situation in ihrem Heimatland, den USA, an. „I’m trying to be open with you guys.“, sagte sie. Im Publikum rief jemand „Do it!“. Es sei nicht so leicht, beteuerte sie nachdenklich, aber erklärte, dass sie sich gerade nicht sicher in ihrem Herkunftsland fühle. Sie spielte daraufhin einen unveröffentlichten Song, der genau diese Botschaft unterstreichen sollte.

Hinter der sichtbaren Wut in ihrer Stimme war eine Zerbrechlichkeit zu spüren, die immer wieder durchschimmerte. Aber eine bemerkenswerte Eigenschaft von Ezra Furman ist, dass sie diese Wut als Antrieb nutzt, um etwas zu erschaffen. Ihre Songs zu performen war ihr Ventil, ihre Kunst ihr Werkzeug. Im Laufe des Konzerts verwandelten sich Wut und Trauer dann in etwas anderes. Die Gefühle lagen offen auf dem Tisch und machten Platz für Licht, Wärme und Hoffnung. Als das Intro zu „Body Was Made“ erklang, riss sich die Künstlerin in einem Symbol der Befreiung ihr langes, schwarzes Oberteil vom Körper und präsentierte sich nun vor einem applaudierenden Publikum in bauchfreiem Spitzentop. Im Song heißt es:
„Your body is yours at the end of the day
And don’t let the hateful try and take it away
We want to be free, yeah we go our own way“
Diese Zeilen nehmen Bezug auf ihre Identität als Trans-Frau, die sich von der Gesellschaft nicht verbiegen lässt.

Musik, die unter die Haut geht
Einer meiner absoluten Lieblingsmomente aus dieser Show war, als Ezra Furman erzählte, sie hätte sich vor kurzem ein neues Instrument gekauft. Als die Fans fragten, welches das sei, folgte das Mundharmonika-Intro zu „Take Off Your Sunglasses“, einem absoluten Stimmungsmacher. Bald war das Ende der Setlist erreicht und als Zugabe wurde der Publikumsliebling „Love You So Bad“ angestimmt, den Viele wohl aus der berühmten Netflix-Serie „Sex Education“ kennen dürften.
Nach „Suck the Blood From My Wound“ und „Tell Em All to Go to Hell“ war dann endgültig Schluss und als ich mich im hellen Saal umschaute, blickte ich in leuchtende Augen und lächelnde Gesichter. Und genau das meine ich, wenn ich sage, dass ein Ezra Furman Konzert wie eine Therapiestunde ist. Man wühlt sich gemeinsam durch schwierige Emotionen, man lacht und weint, man fühlt sich verstanden und verlässt den Raum mit neugewonnener Kraft.
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